Hast du dich schon einmal geschämt?
Wurdest du schon einmal beschämt?
Kennst du Scham aus der Perspektive der oder des Schwächeren?
Die meisten Menschen kennen dieses Gefühl sehr gut – und doch fehlt oft der bewusste Zugang dazu. Über Scham wird wenig gesprochen. Stattdessen zeigt sie sich als diffuses Unwohlsein, oft ganz körperlich: Man möchte am liebsten unsichtbar werden, den Blick senken, verschwinden. Vielleicht, weil man in diesem Moment glaubt, falsch oder unpassend zu sein.
Schamerfahrungen entstehen häufig schon im Kleinkindalter, aber wir begegnen der Scham in jedem Lebensalter: in ganz unterschiedlichen Situationen und in ganz unterschiedlichen Ausprägungen, mit mehr oder weniger Auswirkungen und sehr individuellem Umgang damit.
Präsent ist Scham unter anderem in der Schule – einem Ort, an dem wir früh lernen, uns mit anderen zu vergleichen. Sie entsteht durch Leistungsdruck und Benotung, durch Ausgrenzung unter Mitschüler:innen, durch das ungewollte Im-Fokus-Stehen vor einer Gruppe, manchmal auch durch eine als zu nah empfundene Beziehung zu Lehrenden. All das hinterlässt Spuren, die oft weit ins Erwachsenenleben reichen.
Hast du dich schon einmal mit Mitschüler:innen, Mitstudierenden oder Kolleg:innen über solche Erfahrungen ausgetauscht? Wahrscheinlich eher selten. Dabei wissen wir, dass Gespräche mit vertrauten Menschen helfen können, negative Gefühle zu ordnen und zu lindern – ähnlich wie bei Trauer oder Angst.
Scham entsteht im Kontakt mit anderen, meist im Vergleich. Sobald sie auftritt, meiden wir jedoch den Kontakt. So trennt Scham zunächst – wir fühlen uns allein, abseitsstehend, nicht dazugehörig. Die Scham in den Kontakt zu bringen, schafft wieder Nähe!
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es sehr entlastend sein kann, die eigene Scham zu benennen und ihr im Kontakt Raum zu geben. Es ist schwer, weil ich mich zeigen muss, aber es ist heilsam, gesehen und verstanden zu werden und vielleicht sogar zu erfahren, dass ich nicht allein mit meinem Empfinden bin.
Scham hat auch eine andere Seite: Menschen mit Schamempfinden können sich oft besser in andere einfühlen. Empathie und Scham sind eng verwandt. Schamlosigkeit ist nicht immer positiv konnotiert.
Nur zu starkes Schamempfinden oder die permanente unbewusste Vermeidung von Scham sind emotional sehr belastend.
Ich halte einen Perspektivwechsel für hilfreich:
Sollten nicht die, die uns beschämen, sich schämen? Sei es die Lehrkraft, die jemanden „vorführt", oder die Mitschüler:innen, die ausgrenzen?
Gisèle Pelicot war so mutig und hat die Scham in den Kontakt gebracht, vor Gericht, in der Öffentlichkeit. Nur so konnte die Scham die Seite wechseln und ihre Aussage „La honte doit changer de camp." (Die Scham muss die Seite wechseln) konnte über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt werden.